Reizdarmsyndrom

01.10.2017 | Gesundheitsinfos

Susanne Meinrenken, Dr. med., Bremen

Beim Reizdarmsyndrom handelt es sich um eine gutartige Störung der Darmfunktion, die sich durch Magen- und Bauchschmerzen, Unbehagen, Völlegefühl und gestörten Stuhlgang mit Durchfall oder Verstopfung äußert. Es besteht oft ein klarer Zusammenhang mit Stress und Angst. Medikamente sind oft nur von eingeschränktem Nutzen.

Was ist ein Reizdarmsyndrom?

Ein Reizdarmsyndrom (RDS) liegt vor, wenn alle folgenden drei Punkte erfüllt sind:

  1. Es bestehen chronische, d. h. länger als drei Monate anhaltende Beschwerden (z. B. Bauchschmerzen, Blähungen), die von Patient und Arzt auf den Darm bezogen werden und in der Regel mit Stuhlgangsveränderungen einhergehen.
  2. Wegen der Beschwerden sucht der Patient Hilfe, insbesondere weil sie seine Lebensqualität relevant beeinträchtigen.
  3. Voraussetzung ist, dass keine anderen Krankheitsbilder vorliegen, die die Symptomatik erklären; solche Krankheiten also mittels geeigneter Untersuchungen ausgeschlossen wurden.

Das Beschwerdebild ist vielfältig. Man unterscheidet eine Form, bei der das Symptom Durchfall im Vordergrund steht von einer Form, bei der die Betroffenen vor allem an Verstopfung leiden; dabei sind aber sehr häufig beide Störungstypen auch überlappend vorhanden. Meist besteht ein Druckgefühl im Unterbauch, bei manchen Patienten schubweise stärkste Krämpfe, meistens heftige Blähungen. Nicht selten werden zugleich „Magenbeschwerden" von den Patienten berichtet: Völlegefühl und Brennen im Oberbauch, Aufstoßen.
Die Symptome lassen kurzfristig meist nach Stuhlentleerung etwas nach. Nicht selten besteht Stuhldrang mit mehreren Abgängen von kleinvolumigen Stuhl am Tag. Manche Patienten erleben keinen Zusammenhang ihrer Beschwerden mit bestimmten Nahrungsmitteln, andere meinen eine Verbesserung mit ballaststoffreicher Kost zu erleben, wieder andere hingegen sehen hierin einen Auslöser ihrer Beschwerden.

Ursachen

Beim Reizdarmsyndrom sind die Bewegungen des Magens und Darms im Rahmen der Verdauung sowie die Freisetzung von Verdauungssekreten im Vergleich zu Gesunden verändert, zudem nehmen die Betroffenen die Darmtätigkeit offenbar deutlicher wahr als andere Personen und empfinden diese eher als andere als schmerzhaft. Viele Patienten mit einem Reizdarmsyndrom leiden zusätzlich auch an psychischen Krankheiten sowie an Kopfschmerzen, Fibromyalgie und/oder chronischem Erschöpfungssyndrom. Zusätzlich gibt es Hinweise dafür, dass bei Patienten mit Reizdarmsyndrom die Art und Verbreitung der gesunden Darmflora (verschiedene Bakterienarten) auffällig sind, sowie für Veränderungen der Darmschleimhaut. 
Die eigentliche Ursache des Syndroms ist jedoch nicht geklärt. Die oben genannten Auffälligkeiten können sowohl als mögliche Ursache infrage kommen als auch Folge eines lange bestehenden Reizdarmsyndroms sein. 

Diagnostik

Die Symptome und genaue Krankeitsbeschreibung durch den Patienten sind typisch und in den meisten Fällen ausreichend, um eine Verdachtsdiagnose stellen zu können. Der Arzt wird den Bauch sorgfältig abtasten; häufig lässt sich vermehrt Luft in Magen und/oder Darm feststellen (Meteorismus), evtl. sind die Darmgeräusche etwas verändert zu hören. Bei Frauen ist auch eine sorgfältige gynäkologische Untersuchung wichtig. Wenn der Arzt keinen außergewöhnlichen Befund erhebt, so wird die Diagnose Reizdarmsyndrom wahrscheinlich. Da die Beschwerden bei Reizdarm auch Folge anderer Krankheiten sein können, werden diese ausgeschlossen. Dazu gehören zum Beispiel eine (chronische) Entzündung der Darmschleimhaut infolge unterschiedlicher Krankheiten (z.B. Colitis ulcerosa), andere Störungen der Darmfunktion oder Nährstoffaufnahme, Zöliakie, ein Dickdarmkarzinom oder viele andere Krankheiten. Entsprechende Untersuchungen sind zum Beispiel eine Ultraschalluntersuchung, Magen- oder Darmspiegelung (Koloskopie, s. unten), selten auch eine Röntgenuntersuchung, CT oder MRT. Werden diese Untersuchungen durchgeführt, müssen sie in der Regel im Verlauf der Krankheit nicht wiederholt werden, falls sie unauffällig sind – es sei denn, die Beschwerden verändern sich mit der Zeit auffallend. Laboruntersuchungen sind bei Reizdarm normal. Blutwerte (u.a. Hb), Blutsenkungsgeschwindigkeit und andere Entzündungszeichen oder Bestimmung der Leberwerte werden oft durchgeführt, um andere Erkrankungen auszuschließen. Eine Untersuchung des Stuhlgangs auf Blut kann indiziert sein, um Blutungen im Verdauungskanal auszuschließen. Auch auf Bakterien wird der Stuhl häufig gestestet. Blutuntersuchungen zur Überprüfung auf Laktoseintoleranz und Zöliakie werden ebenfalls manchmal durchgeführt. Andere Nahrungsmittelunverträglichkeiten lassen sich oft durch gezielte Diäten mit vorübergehendem Verzicht auf bestimmte Lebensmittel erkennen.  Eine Koloskopie wird bei Patienten durchgeführt, bei denen die Diagnose unsicher ist. Bei dieser Untersuchung wird ein biegsamer Schlauch durch den gesamten Dickdarm geführt, um den Darm von innen zu untersuchen. Die Untersuchung wird bei Verdacht auf eine andere Erkrankung durchgeführt, oder wenn der Patient befürchtet, eine ernsthafte Krankheit zu haben. Eine Alternative ist die Röntgenuntersuchung des Dickdarms. Manchmal ist es auch notwendig, den Enddarm zu untersuchen (Rektoskopie).

Behandlung

Viele Personen mit Reizdarmsyndrom haben leichte bis moderate Beschwerden und brauchen keine Therapie. Die wichtigste Maßnahme ist, eine ernste Erkrankung auszuschließen. Das lässt sich mit großer Sicherheit mithilfe der Anamnese und ärztlichen Untersuchungen anzeigen, die keine Auffälligkeiten anzeigen. Bei den meisten Patienten ist die sichere Diagnose eine ausreichende „Behandlung”: Das Wissen um die gutartige Natur des Reizdarmsyndroms entlastet von der Angst, ernsthaft krank zu sein; diese Entlastung kann bereits zu einer Linderung der Beschwerden beitragen.   Es gibt keine Empfehlungen hinsichtlich der Ernährung, die für alle Patienten mit Reizdarmsyndrom gelten können. Allerdings lassen sich bei einzelnen Betroffenen die Beschwerden sehr wohl durch bestimmte Ernährung, evtl. ausreichend körperliche Bewegung, besseren Umgang mit Stress und/oder ausreichend Schlaf lindern. Das gilt es individuell herauszufinden und entsprechend den Lebensstil zu anzupassen.  Einige Patienten reagieren auf bestimmte Kohlenhydrate, und es kann auch sein, dass man auf Gluten reagiert, ohne Zöliakie zu haben. Eine glutenfreie Diät ist ungefährlich, aber aufwendig in der Durchführung. Es fehlt nach wie vor eine gute wissenschaftliche Dokumentation darüber, dass diese Diätalternativen zu weniger Beschwerden führen als eine normale gesunde Ernährung. Wenn eine gute Diagnostik und Aufklärung nicht zu einer Linderung führen, ist häufig ein Ernährungsberater die richtige Adresse, um Hilfe zu bekommen: Dieser kann Betroffene dabei beraten, wie sie am besten verschiedene Diäten ausprobieren können und dabei trotzdem eine ausgewogene, gesunde Ernährung beibehalten. Es gibt je verschiedene Medikamente und Wirkstoffe, die abhängig vom vorherrschenden Symptom (Durchfall oder Verstopfung) bei einzelnen Patienten hilfreich sein können. Dazu gehören Probiotika (Bakterien, die die Bakterienflora im Darm günstig beeinflussen), krampflösende Medikamente, Abführmittel oder auch pflanzliche Mittel. Ihr Arzt wird Sie beraten können. Viele Patienten profitieren auch von einer begleitenden psychotherapeutischen Behandlung; hier gibt es verschiedene Verfahren, die sich beim Reizdarmsyndrom als hilfreich erwiesen haben. Liegen zusätzlich depressive Symptome vor, können Antidepressiva sinnvoll sein.

Prognose

Das Reizdarmsyndrom ist ungefährlich, aber meist chronisch und wiederkehrend. Die Betroffenen haben kein erhöhtes Risiko für andere Erkrankungen, auch kein erhöhtes Risiko für ein Karzinom im Dickdarm. Es gibt keine bekannten Komplikationen bei dieser Erkrankung, außer der psychischen Belastung durch die langwierigen Beschwerden. Hilfreich ist es für die Betroffenen, nach einer frühzeitigen, sorgfältigen Diagnosestellung anhand verschiedener Untersuchungen, die Diagnose Reizdarmsyndrom zu akzeptieren und Strategien zu entwickeln, mit den Beschwerden möglichst zurechtzukommen. Immer weitere neue Untersuchungen beeinträchtigen die Lebensqualität oft noch zusätzlich.

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