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News vom 19.01.2018
Paracetamol in der Schwangerschaft

Frauenärzte verweisen bei Schmerzen oder Fieber in der Schwangerschaft meist auf Paracetamol, da es als sicherstes Medikament für Schwangere gilt. Doch nach jüngsten Studien könnte ein Zusammenhang zwischen Paracetamol und weiblicher Unfruchtbarkeit sowie verzögerter Sprachentwicklung bestehen. Experten geben aber Entwarnung.

Wer in der Schwangerschaft Fieber bekommt oder beispielsweise Kopfschmerzen hat, greift gewöhnlich zu Paracetamol. Auch das Pharmakovigilanz- und Beratungszentrum für Embryonaltoxikologie sagt, dass keine Folgen zu erwarten sind, wenn der Wirkstoff während der Schwangerschaft verwendet wird.

Immer wieder gibt es jedoch unterschiedlichste Studien, die vermuten lassen, dass Paracetamol hormonell gesteuerte Entwicklungsschritte des Embryos beeinflussen kann – wie beispielsweise die Zahl der Eizellen sowie die Sprachentwicklung bei Mädchen.

Was genau sagen die Studien?

1. Studie: Im Tierexperiment fanden Wissenschaftler heraus, dass eine hohe Dosis Paracetamol in der Frühschwangerschaft die Zahl der Eizellen beim Nachwuchs herabsetzt..

2. Studie: Nachdem die Angaben von über 700 Schwangeren bezüglich ihrer Paracetamol-Einnahme ausgewertet wurden, fiel Folgendes auf: Wenn die Mutter mehr als sechs Tabletten Paracetamol im 1. Trimester eingenommen hatte, bestand für die Tochter im Alter von 30 Monaten ein 6-fach erhöhtes Risiko für eine verzögerte Sprachentwicklung.

Was bedeutet das?

Es ist fraglich, ob man die Ergebnisse der ersten Studie auf den Menschen übertragen kann. Fakt ist: Mädchen werden bereits mit einer festen Zahl Eizellen geboren. Die Eizellen müssen später im jeweiligen Menstruationszyklus lediglich reifen, es bilden sich aber im gesamten Leben keine weiteren. Ist der Eizell-Vorrat aufgebraucht, beginnt die Menopause der Frau. Die Fruchtbarkeit lässt schon vorher nach, wenn die Eizellen nach und nach weniger werden.

Die Vermutung anhand der Studie ist nun, dass Töchter von Frauen, die in der Schwangerschaft zu viel Paracetamol einnahmen, mit weniger Eizellen zur Welt kommen und daher besonders bei spätem Kinderwunsch Probleme haben könnten.

Auch die zweite Studie ist umstritten: Zum einen ist unklar, in welchem Zeitraum die Schwangeren die Tabletten eingenommen hatten – an einem Tag, in einer Woche oder über das 1. Trimester verteilt. Dabei ist die genaue Menge äußerst relevant, um eine klare Aussage treffen zu können. Außerdem ist die Sprachentwicklung mit 30 Monaten noch nicht abgeschlossen und individuell unterschiedlich. Nicht zuletzt wurden nicht genug Kinder bezüglich ihrer sprachlichen Entwicklung untersucht, um eine klare Aussage zuzulassen.

Was ist das Fazit?

Beide Studien weisen methodische Mängel beziehungsweise Einschränkungen auf, die keine eindeutige Aussage zulassen.

Dr. Wolfgang E. Paulus, Oberarzt und Leiter der Reproduktionstoxikologie an der Universitätsklinik Ulm sowie außerordentliches Mitglied in der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft, bringt es auf den Punkt: "Bisher gibt es keinen Nachweis, dass ein kurzfristiger Einsatz [von Paracetamol] in moderaten Dosen – zum Beispiel bei Kopf- und Zahnschmerzen – zu gravierenden Langzeitschäden führt."

Für Schwangere gilt daher weiterhin: Paracetamol darf in der Schwangerschaft verwendet werden! Nehmen Sie Medikamente – auch Paracetamol – aber nicht unkritisch in Eigenregie ein. Beraten Sie sich immer mit Ihrem Frauenarzt und verwenden Sie das Präparat möglichst kurz und in der niedrigsen wirksamen Dosis!

Dennoch ist es wichtig, dass es weitere Studien sowie große deutschlandweite Register gibt, in denen Daten von Schwangeren erfasst werden können. Dazu fehle in Deutschland aber bisher der Wille, so Wolfgang Paulus. Das verwundere umso mehr, da Deutschland nach dem Contergan-Skandal Mitte des 20. Jahrhunderts sensibler für die Wirkung von Medikamenten in der Schwangerschaft sein sollte.

Quelle(n):
Paracetamol in der Schwangerschaft könnte die Sprachentwicklung beeinträchtigen. Online-Informationen des Ärzteblatts: www.aerzteblatt.de (Stand: 11.1.2018)
Paracetamol in der Schwangerschaft und Sprachentwicklung. Experteneinschätzungen des Science Media Center. (Stand: 10.1.2018)
Studie: Paracetamol könnte Fertilität der Töchter vermindern. Online-Informationen des Deutschen Ärzteblatts: www.aerzteblatt.de (Stand: 8.1.2018)
Arendrup, F., Mazaud-Guittot S., et al.: Is exposure during pregnancy to acetaminophen/paracetamol disrupting female reproductive development? Endocrine Connections Publish Ahead of Print (5.1.2018)
Paracetamol. Online-Informationen von Embryotox: www.embryotox.de (Stand: 7.12.2017)
Weyerstahl, T., Stauber, M.: Gynäkologie und Geburtshilfe. Thieme, Stuttgart 2013


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