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News vom 27.10.2017
Glutenverzicht für Gesunde – sinnvoll oder nicht?

Immer mehr Menschen verzichten auf Gluten in ihrer Ernährung, obwohl es aus medizinischer Sicht keinen Anlass dafür gibt. Wie gesund ist solch ein freiwilliger Verzicht?

Glutenfreie Lebensmittel findet man inzwischen in jedem Supermarkt – und das ist gut so. Auf jeden Fall für Menschen, die tatsächlich kein Gluten vertragen.

Einige Menschen verzichten jedoch auf Gluten, weil sie sich (ohne ärztlichen Rat) sicher sind, eine Unverträglichkeit zu haben und sich selbst behandeln wollen. In letzter Zeit liegt eine glutenfreie Ernährung auch bei ansonsten Gesunden immer mehr im Trend. Denn manche halten Gluten generell für ein Gesundheitsrisiko.

So glauben viele Menschen, dass Gluten zum Beispiel

  • dick macht,
  • Herzerkrankungen fördert,
  • müde macht oder
  • generell die Gesundheit beeinträchtigt.

Glaubhafte wissenschaftliche Beweise für diese Behauptungen gibt es allerdings nicht.

Wo steckt Gluten drin?

Gluten, auch Klebereiweiß genannt, ist ein Gemisch aus verschiedenen Eiweißen. Es kommt in verschiedenen Getreidesorten vor, wie:

  • Weizen
  • Gerste
  • Roggen

Wer auf Gluten verzichtet, muss ernährungstechnisch einiges umstellen. Denn das Klebereiweiß ist in vielen gängigen Lebensmitteln enthalten wie etwa Brot, Brötchen, Müsli, Nudeln oder Pizza. Auf glutenhaltige Lebensmittel vollständig zu verzichten, ist gar nicht so einfach, sagt Ernährungswissenschaftlerin Dr. Christina Breidenassel. "Das Klebereiweiß ist ganz vielen Produkten zugesetzt ist, bei denen man gar nicht drauf achten würde."

Dadurch kann sich Gluten auch in Lebensmitteln verstecken, die man nicht mit dem Klebereiweiß in Verbindung bringen würde – wie etwa Pommes frites, panierten Speisen, Kuchen, Keksen, Knabbergebäck, Trinkschokolade, Speiseeis, Fertiggerichten, Schmelz- und Frischkäsezubereitungen, Gewürzzubereitungen oder Bier.

Ist Gluten für ansonsten Gesunde ungesund?

Laut Breidenassel ist ein freiwilliger Glutenverzicht sehr bedenklich. Denn "Lebensmittel mit Gluten, insbesondere in der Vollkornvariante, stellen sehr viele verschiedene Nährstoffe bereit und tragen stark zur Ballaststoffzufuhr bei."

Aus wissenschaftlicher Sicht gibt es keine Hinweise, die vermuten lassen, dass Gluten für ansonsten gesunde Menschen ungesund ist. Einer neuen großangelegten Studie zufolge erkranken Menschen, die viel Gluten essen beispielsweise nicht häufiger an Herzinfarkt als andere.

Tatsächlich kam etwas anderes heraus: Ein dauerhafter Verzicht auf Gluten könnte sich laut dieser Studie für ansonsten Gesunde als eher schädlich herausstellen. Denn Menschen, die aus Sorge vor Gluten auf Vollkornprodukte verzichten, steigern dadurch ihr Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie die koronare Herzkrankheit um 15 Prozent.

Breidenassel überrascht das Ergebnis nicht: "Das ist eigentlich logisch. Denn mit Vollkornprodukten beziehungsweise einer ballaststoffreichen Ernährung kann man sogar aktiv den Cholesterinspiegel senken. "Das wiederum wirkt sich günstig auf das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen aus. "Wenn Leute vermeintlich ihrer Gesundheit zuliebe freiwillig auf Gluten verzichten, sorgen sie also im Prinzip genau für das Gegenteil."

Wer wegen Gluten freiwillig auf Vollkornprodukte verzichtet, sollte daran denken, dass Vollkornprodukte nicht nur viele Ballaststoffe enthalten, sondern auch wichtige Vitamine und Mineralstoffe. Glutenfreie Produkte bestehen dagegen oft aus raffinierten Getreiden und sind vergleichsweise arm an Nährstoffen.

Wann man auf Gluten verzichten muss

Aus medizinischer Sicht ist die Sache klar. Ein Glutenverzicht ist angeraten, wenn eine echte Glutenunverträglichkeit (Zöliakie) besteht. Diese kommt Schätzungen zufolge in Deutschland bei etwa einem von 100 Menschen vor, wobei nur etwa zehn bis zwanzig Prozent der Betroffenen auch tatsächlich Beschwerden durch die Zöliakie haben.

Betroffene mit Zöliakie vertragen selbst kleinste Mengen Gluten nicht und sollten deshalb lebenslang weitgehend darauf verzichten. Das Klebereiweiß führt bei ihnen zu einer chronischen Entzündung der Dünndarmschleimhaut und löst starke Magen-Darm-Beschwerden, Müdigkeit und andere Symptome aus. Ob eine Zöliakie vorliegt, lässt sich mithilfe einer Blutuntersuchung und einer Gewebeprobe des Dünndarms sicher nachweisen.

Auch bei einer Weizenallergie kann von Gluten abzuraten sein, jedenfalls wenn es vom Weizen stammt. Der Nachweis erfolgt in der Regel mithilfe eines Allergietests (Prick-Test und Blutuntersuchung) und einer Ernährungsumstellung.

Daneben ist in letzter Zeit auch immer wieder von einer Glutensensitivität, also Gutenempfindlichkeit die Rede. Aus wissenschaftlicher Sicht ist deren Existenz jedoch umstritten. "Für eine Glutensensitivität gibt es momentan noch keine Beweise und auch keine Biomarker, mit denen man sie wirklich nachweisen könnte" bestätigt Breidenassel. Bei einer Glutensensitivität besteht angeblich eine Überempfindlichkeit gegen Gluten, die zu ähnlichen Beschwerden wie bei einer Zöliakie führt. "Patienten, die eine Glutensensitivität vermuten, weil sie Magen-Darm-Probleme haben, haben aus meiner Erfahrung häufig eher andere Probleme" berichtet Breidenassel. Oft stellt sich dann heraus, dass eigentlich Stress der Auslöser ist, oder die Betroffenen bei den Mahlzeiten zu große Portionen verzehren. Auch eine vorausgegangene Behandlung mit Antibiotika oder eine einseitige Ernährung kann zu Verdauungsproblemen führen.

Fazit

Ein vollkommener Verzicht auf Gluten ohne medizinischen Anlass ist nicht empfehlenswert. Zwar ist durchaus möglich, auf Gluten zu verzichten und sich trotzdem so gesund zu ernähren, dass es zu keinen Nährstoffeinbußen oder gesundheitlichen Beeinträchtigungen kommt. Das setzt jedoch ein großes Grundwissen in puncto Ernährung voraus, auf das Laien in der Regel nicht bauen können.

Quelle(n):
Gespräch mit der promovierten Ernährungswissenschaftlerin Dr. Christina Breidenassel. Derzeit ist sie unter anderem als Ernährungsberaterin tätig. Davor war sie über viele Jahre wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Ernährungs- und Lebensmittelwissenschaften der Universität Bonn.
Online-Informationen der Deutschen Zöliakie-Gesellschaft: www.dzg-online.de (Abrufdatum: 19.10.2017)
Weizenallergie. Online-Informationen des Deutschen Allergie- und Asthmabunds: www.daab.de (Abrufdatum: 19.10.2017)
Lebwohl, et al.: Long term gluten consumption in adults without celiac disease and risk of coronary heart disease: prospective cohort study. BMJ, 2017;357:j1892 (Online-Publikation 2.5.2017)
Most People Shouldn't Eat Gluten-Free. Online-Informationen der Scientific American: www.scientificamerican.com (Stand: 11.3.2013)
Going gluten-free just because? Here’s what you need to know. Online-Informationen der Harvard Medical School: www.health.harvard.edu (Stand: 20.2.2013)
Leitzmann, C., et al.: Ernährung in Prävention und Therapie. Hippokrates, Stuttgart 2009
Jäger, L., et al.: Nahrungsmittelallergien und -intoleranzen. Urban & Fischer, München 2008


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