Aktuelle News
News vom 31.10.2017
Sport bei Brustkrebs: Fünf Gründe, warum Bewegung helfen kann

Brustkrebs ist eine kräftezehrende Erkrankung. Viele Patientinnen fühlen sich permanent erschöpft und müde, leiden unter Schmerzen, Sorgen und Angst. Dennoch – oder besser: gerade deshalb – raten Mediziner ihnen dazu, jede Woche mindestens 150 Minuten Sport zu treiben. Das hat gute Gründe.

Sport ist gesund, soviel ist klar. Doch taugt Bewegung auch als Therapie, als wirksames Heilmittel? Was Stoffwechselkrankheiten wie Diabetes mellitus Typ 2 betrifft, sind sich Mediziner einig: Ja, Sport hilft, sogar besser als Medikamente. Aber was ist mit lebensbedrohlichen Krankheiten wie Krebs? Können Patienten ihren Tumor buchstäblich aus eigener Kraft bekämpfen, indem sie ihren Körper stärken?

Die Krebsforscherin Prof. Karen Steindorf vom Nationalen Centrum für Tumorerkrankungen (NCT) in Heidelberg und ihre Kollegen beschäftigen sich seit Jahren mit dieser Frage. In mehreren Studien mit Brustkrebspatientinnen haben sie nachgewiesen, dass Bewegung bei Krebs eine geradezu therapeutische Wirkung entfalten kann. "Die Patientinnen profitieren von regelmäßigem Training, und zwar auf mehreren Ebenen", sagt Steindorf.

1. Sport lindert Erschöpfung

Viele Krebspatienten fühlen sich chronisch erschöpft, egal wie viel sie sich ausruhen oder schlafen. "Fatigue" (französisch für Müdigkeit) nennen Mediziner dieses Phänomen. Die Ursachen sind noch nicht ganz geklärt. Vermutlich spielen mehrere Faktoren eine Rolle:

  • Die schnell wachsenden Tumorzellen zehren an den Energiereserven.
  • Die Erkrankung ruft im Körper eine Entzündungsreaktion hervor. Diese wirkt sich unter anderem auf den Energiestoffwechsel der Muskeln und die Bildung neuer Muskeleiweiße aus. So lässt sich möglicherweise erklären, warum sich viele Krebspatienten körperlich entkräftet fühlen.
  • Chemo- und Strahlentherapie schädigen nicht nur Tumorzellen, sondern auch körpereigenes Gewebe. Dadurch werden zahlreiche physiologische Prozesse gestört, zum Beispiel die Bildung roter Blutzellen, die für den Sauerstofftransport verantwortlich sind. Mangelt es dem Körper an Sauerstoff, geht ihm gewissermaßen der Treibstoff aus.
  • Zudem scheinen bestimmte Entzündungsstoffe eine Wirkung auf den Hypothalamus zu haben. Diese Hirnregion ist unter anderem für Wachheit und Aufmerksamkeit zuständig.
  • Die Angst vor der Erkrankung und der Therapie kann psychisch sehr belastend sein.

Die Fatigue vermindert nicht nur die Lebensqualität. Häufig führt sie auch dazu, dass die Patientinnen nicht genug Kraft haben, um die Chemotherapie durchzustehen. "Dann kommt es vor, dass der Arzt die Dosis reduzieren oder das Therapieschema verändern muss", erklärt die Krebsforscherin Steindorf. "Insofern kann sich Fatigue indirekt auf die Wirksamkeit der Behandlung auswirken."

Vor einigen Jahren testeten Karen Steindorf und ihre Kollegen in einer Studie, ob Sport gegen die besondere Form der Erschöpfung helfen kann. Sie teilten 160 Brustkrebspatientinnen nach dem Zufallsprinzip in zwei Gruppen ein: Die Hälfte von ihnen sollte 12 Wochen lang zweimal in der Woche eine Stunde Sport treiben. Die anderen nahmen an einem Entspannungstraining teil.

Vor Beginn und nach Abschluss des Trainings befragten die Forscher alle Teilnehmerinnen ausführlich nach ihrem körperlichen und psychischem Befinden. Dabei zeigte sich, dass sich die Frauen in der Sport-Gruppe weniger ermüdet fühlten als die aus der Vergleichsgruppe. Vor allem die körperliche Erschöpfung hatte sich durch das Training offenbar verbessert.

2. Sport hilft gegen Schlafprobleme

Körperliche Ertüchtigung macht müde und hilft somit beim Einschlafen. Zudem schlafen Menschen, die sich tagsüber körperlich angestrengt haben, tiefer und besser. Steindorf und ihre Kollegen stellten in einer weiteren Untersuchung fest, dass das nicht nur für gesunde Menschen mit Schlafproblemen gilt, sondern auch für Brustkrebspatientinnen.

Trotz Erschöpfung haben Menschen mit Krebs besonders häufig mit Einschlafproblemen und Schlafstörungen zu kämpfen. "Zum Teil, weil sie sich Sorgen machen und mental nicht zur Ruhe kommen", sagt Karen Steindorf. Zudem treten Schlafstörungen häufig als Nebenwirkung von Chemo- und Strahlentherapien auf. "Selbst in diesem Fall kann Sport helfen", sagt Steindorf.

Wie viel und welche Art von Sport?
Fachleute raten zu mindestens 150 Minuten Bewegung pro Woche. Geeignete Sportarten sind z.B. Walken, Radfahren, Yoga, Tanzen oder Volleyball. Wichtig ist, dass man sich dabei ruhig etwas anstrengt, also außer Atem gerät und ins Schwitzen kommt.

Für wen ist Sport ein Risiko?
In bestimmten Fällen wird der Arzt der Patientin von Bewegung abraten, etwa kurz nach einer Operation, bei Fieber oder auch generell am Tag nach der Chemotherapie. Auch bei speziellen Behandlungsformen sowie bei bestimmten Begleiterkrankungen ist Vorsicht geboten, zum Beispiel bei Herz-Kreislauf-Beschwerden oder chronischen Gelenkentzündungen.

Wo finden Patientinnen Sport-Angebote?
Viele große Krebszentren bieten Sportprogramme an. Zudem werden über den Deutschen Behindertensportverband (DBS) Sportgruppen für Menschen mit Krebserkrankungen angeboten. Eine Suche ermöglicht die Website: www.dbs-npc.de

Wichtig: Grundsätzlich sollte sich das Sportpensum jedoch immer nach dem Gesundheitszustand und den individuellen Bedürfnissen der Patientin richten. Wer an Brustkrebs erkrankt ist oder war, sollte mit seinem Arzt und qualifizierten Sporttherapeuten besprechen, ob und wie viel Sport förderlich ist.

3. Sport hebt die Stimmung und stärkt die Psyche

Sport ist eine natürliche Droge: Er bewirkt, dass im Körper die als Glückshormone bekannten Botenstoffe Serotonin und Dopamin ausgeschüttet werden. Auch legen Studien nahe, dass körperliche Aktivität Ängste lösen kann – sofort und auch langfristig.

Darüber hinaus fördert Sport die sogenannte "Selbstwirksamkeit", also das Gefühl, aus eigener Kraft etwas bewirken zu können. Dieses Empfinden gilt in der Psychologie generell als wichtige Voraussetzung für seelische Gesundheit. Krebspatientinnen hilft es, sich weniger machtlos zu fühlen und wieder mehr Vertrauen in ihren eigenen Körper zu entwickeln.

4. Sport unterstützt die Therapie

Forscher vermuten, dass Bewegung im Körper Prozesse in Gang setzt, die möglicherweise das Wachstum des Tumors hemmen. In Tierversuchen hat sich gezeigt, dass:

  • bei Bewegung mehr sogenannte natürliche Killerzellen in den Tumor "einwandern". Das sind Zellen des Immunsystems, die in der Lage sind, Krebszellen zu erkennen und abzutöten.
  • Sport chronischen, niedriggradigen Entzündungen im Körper entgegenwirkt, die als krebsfördernd gelten.

Ob sich diese Erkenntnisse auf den Menschen übertragen lassen, ist noch ungewiss. Zudem ist noch nicht klar, welche Sportart und Bewegungsintensität optimal ist, um die besagten Mechanismen auszulösen. Und allzu viel darf man sich von diesen Effekte auch nicht erhoffen. "Kein Tumor lässt sich allein durch Sport beseitigen", stellt Karin Steindorf klar.

Dennoch könne Bewegung zum Erfolg der Behandlung beitragen. "Es kommt häufig vor, dass der Arzt die Dosis reduzieren oder das Therapieschema verändern muss, weil die Patientinnen zu erschöpft sind oder zu stark unter weiteren Nebenwirkungen leiden", sagt sie. "Das kann leider auch die Wirksamkeit der Behandlung verringern." Diesem Problem beugt Sport vor, da er viele Nebenwirkungen lindern kann.

5. Sport scheint das Risiko für Rückfälle zu senken

Ehemalige Brustkrebspatientinnen, die sich regelmäßig bewegen, haben ein geringeres Risiko, an den Spätfolgen der Krankheit zu sterben. Auch erleben sportlich aktive Patientinnen nach einer erfolgreichen Krebstherapie seltener einen Rückfall (sog. Rezidiv) als Patientinnen, die sich nach der Erkrankung selten bewegen.

Das geht jedenfalls aus sogenannten epidemiologischen Studien hervor, bei denen ehemalige Patientinnen über einen längeren Zeitraum hinweg immer wieder nach ihrem Gesundheitszustand und ihren Lebensgewohnheiten befragt werden.

"Solche Studien deuten zunächst nur auf einen möglichen Zusammenhang hin und sind kein Beweis für eine Ursache-Wirkung-Beziehung", sagt die Forscherin Steindorf. "Man kann daraus also nicht ableiten, dass Bewegung vor Rezidiven schützt." Doch vieles spräche dafür:

  • Einer der wichtigsten Risikofaktoren für Brustkrebs ist Übergewicht. Zum einen werden im Fettgewebe Hormone (etwa sog. Adipokine) gebildet, die Körperzellen das Signal geben, sich zu vermehren. Das kann im schlimmsten Fall zur Entstehung bzw. zum Wachstum eines Tumors führen.
  • Zum anderen werden im Fettgewebe männliche Geschlechtshormone (Androgene) zu weiblichen Hormonen (Östrogene) umgewandelt. Je mehr Fettgewebe im Körper eingelagert ist, umso mehr Östrogen bildet dieser. Ein Östrogen-Überschuss begünstigt das Tumorwachstum.
  • Durch Sport verbessert sich die Körperzusammensetzung: Wer regelmäßig trainiert, baut Fett ab und Muskeln auf. Dies wirkt der ungesunden Hormonproduktion entgegen.

Quelle(n):
Gespräch mit Prof. Karen Steindorf. Sie ist Leiterin der Abteilung "Bewegung, Präventionsforschung und Krebs" am Deutschen Krebsforschungszentrum und am Nationalen Centrum für Tumorerkrankungen (NCT) in Heidelberg tätig.
Brustkrebs – Ursachen und Risikofaktoren. Online-Informationen der Deutschen Krebsgesellschaft (DKG): www.krebsgesellschaft.de (Abrufdatum: 23.10.2017)
Steindorf, K., et al.: Effects of exercise on sleep problems in breast cancer patients receiving radiotherapy: a randomized clinical trial. Breast Cancer Research and Treatment, Jg. 162, Nr. 3, S. 489-499 (April 2017)
Bewegung und Sport. Online-Informationen des Deutschen Krebsforschungszentrums, Krebsinformationsdienst (KID): www.krebsinformationsdienst.de (Stand: 19.08.2016)
Meneses-Echavez, J. F. et al.: The effect of exercise training on mediators of inflammation in breast cancer survivors: a systematic review with meta-analysis. Cancer Epidemiology, Biomarkers & Prevention, Jg. 25, Nr. 7, S. 1009-1017 (Juli 2016)
Lahart, I. M., et al.: Physical activity, risk of death and recurrence in breast cancer survivors: A systematic review and meta-analysis of epidemiological studies. Acta Oncologica, Jg. 54, Nr. 5, S. 635-654
Steindorf, K., et al.: Randomized Controlled Trial of Resistance Training in Breast Cancer Patients Receiving Adjuvant Radiotherapy: Results on Cancer-related Fatigue and Quality of Life. Annals of Oncology 2014, Jg. 25, Nr. 11, S. 2237-2243 (November 2014)
Smith, M. A., et al.: The anxiolytic effects of resistance exercise. Frontiers in psychology, Jg. 5, Nr. 753 (Juli 2014)


Weitere News: 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10
Meldung 1 - 10 von 99 Meldungen insgesamt
Paracetamol in der Schwangerschaft19.01.2018
Gesundheitsrisiko Tampon: Toxisches Schocksyndrom16.01.2018
Neu für Männer ab 65: Die Aneurysma-Früherkennung12.01.2018
Gesund und lecker essen am Arbeitsplatz09.01.2018
Vitamin D und Calcium zur Osteoporose-Prophylaxe sinnlos?05.01.2018
Selten sinnvoll: Wasserfilter für den Hausgebrauch02.01.2018
Gute Vorsätze: "Jeder Mensch kann sich ändern"29.12.2017
Rund um die Krankmeldung: Diese Fakten sollten Sie kennen22.12.2017
Unten ohne – Flanking im Winter19.12.2017
Leben mit Luftnot: COPD erkennen und behandeln15.12.2017