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News vom 24.04.2018
Penicillinallergie

Die Penicillinallergie zählt – wie alle Allergien – zu den Überempfindlichkeitsreaktionen. Man unterscheidet Sofort- und Spätreaktionen:

  • Überempfindlichkeitsreaktionen vom Soforttyp treten innerhalb von ein bis sechs Stunden nach Anwendung des Arzneimittels auf. Ihre Symptome reichen von Nesselsucht und Schwellungen (Ödemen) der Haut und Schleimhäute im Kopf- und Halsbereich bis hin zum anaphylaktischen Schock.
  • Überempfindlichkeitsreaktionen vom Spättyp treten erst mehrere Stunden bis Tage nach Anwendung des Arzneimittels auf. Sie machen sich überwiegend als Hautauschläge bemerkbar.

Eine Penicillinallergie wird manchmal schon in der Kindheit festgestellt und in der Krankenakte vermerkt, ohne je wieder überprüft zu werden. Oft basiert der Vermerk auch auf den Angaben der Betroffenen selbst, wobei die Erinnerung an die angebliche allergische Reaktion teils schon stark verblasst ist. Diese Information kann dann sogar ohne ärztliche Abklärung in die Krankenakte gelangen.

Doch nicht allergisch …?

In den USA hat etwa jeder Zehnte laut Krankenakte eine Penicillinallergie. Doch als US-Forscher Betroffene einem Allergietest – genauer: einem Provokationstest – unterzogen, zeigten 90 Prozent der Getesteten keine Reaktion. Das kann verschiedene Gründe haben:

  • Die Penicillinallergie hat sich mit der Zeit von selbst gebessert oder ist ganz verschwunden.
  • Nicht das Penicillin war verantwortlich für die Symptome, sondern die damit behandelte Infektion selbst.
  • Das Penicillin hat zwar eine Hautreaktion hervorgerufen, das Immunsystem war aber nicht daran beteiligt – es war also keine allergische Reaktion.

Welche Folgen hat eine (echte oder angebliche) Penicillinallergie für die Betroffenen?

Penicilline gehören zu den sichersten Antibiotika, die es gibt. Wer jedoch – laut Krankenakte oder eigenen Angaben – eine Penicillinallergie hat, bekommt bei Bedarf andere Antibiotika (z.B. Fluorchinolone, Clindamycin oder Makrolid-Antibiotika). Diese können mehr Nebenwirkungen verursachen. Zudem sind sie bei bestimmten Infektionen oft weniger wirksam als Penicilline.

Häufig ist das statt Penicillin verschriebene Antibiotikum gegen viele verschiedene Keime wirksam (sog. Breitbandantibiotikum). Dabei sollte man bakterielle Infektionen eigentlich möglichst gezielt behandeln – mit einem Antibiotikum, das gegen die typischen Erreger der jeweiligen Erkrankung wirkt. Denn der ungezielte Einsatz von Antibiotika fördert die Entstehung von Antibiotikaresistenzen.

Wenn ein Erreger eine Antibiotikaresistenz entwickelt hat, kann das Antibiotikum nichts mehr gegen ihn ausrichten.

Einer der wichtigsten multiresistenten Erreger ist MRSA (Methicillin-resistenter Staphylococcus aureus). Tatsächlich haben verschiedene Studien gezeigt, dass MRSA-Infektionen bei Penicillinallergikern öfter vorkommen als bei Menschen ohne Penicillinallergie. Gleiches gilt auch für Infektionen mit Clostridium difficile.

Was tun?

Allgemein ist es ratsam, sich bei Verdacht auf eine Penicillinallergie vom Soforttyp testen zu lassen. Dabei können eine Hauttestung, eine Blutuntersuchung und gegebenenfalls Provokationstests zum Einsatz kommen.

Solche Allergietestungen könnten in vielen Fällen für eine bessere Antibiotikabehandlung sorgen und möglicherweise auch das Risiko für Antibiotikaresistenzen verringern.

Bestätigt sich der Verdacht auf eine Penicillinallergie, ist es gut zu wissen, ob man auf alle oder nur auf bestimmte Penicilline allergisch reagiert. Eine solche spezifische Allergie richtet sich zum Beispiel oft gegen Aminopenicilline (wie Amoxicillin und Ampicillin). Andere Penicilline verträgt man dann trotzdem.

Mit einer echten Penicillinallergie ist nicht zu spaßen. Denn im Extremfall kann ein anaphylaktischer Schock sogar tödlich enden. In Europa sollen bis zu 20 Prozent solcher arzneimittelbedingten Ereignisse auf Penicillin zurückzuführen sein, in den USA sogar bis zu 75 Prozent.

Quelle(n):
Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte und Paul-Ehrlich-Institut (Hrsg.): Diskrepanzen zwischen berichteter und verifizierter Penicillinallergie: Mögliche Implikationen für den Patienten und das Gesundheitssystem. Bulletin zur Arzneimittelsicherheit, Ausgabe 1. (Stand: März 2018)
Hüttemann, D.: Penicillin: Nicht jeder Allergie ist auch eine. Pharmazeutische Zeitung, Jg. 162, Ausgabe 6 (9.2.2017)
Deutsche Gesellschaft für Allergologie und klinische Immunologie e.V. (DGAKI): Allergologische Diagnostik von Überempfindlichkeitsreaktionen auf Arzneimittel. AWMF-Leitlinien-Register Nr. 061-021 (Stand: 31.12.2014)


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