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News vom 06.03.2018
"Einsamkeit ist ein wesentlicher Risikofaktor für Depressionen."

Wenn Einsamkeit länger anhält, kann sie krank machen. Im Interview erklärt Prof. Dr. Maike Luhmann, was Menschen einsam macht, warum nicht nur Alte betroffen sind und welche Folgen Einsamkeit haben kann.

Es ist die Umarmung, wenn man Trost braucht. Die ernst gemeinte Frage, wie der Tag gewesen ist. Das gemeinsame Lachen, wenn etwas Schönes passiert ist. Oder die helfende Hand, wenn man krank ist und etwas zu essen braucht. Solche Gesten von nahestehenden Personen tragen dazu bei, dass wir uns aufgehoben und geliebt fühlen.

Fehlen dagegen tiefe soziale Bindungen, kann das zu Einsamkeit führen. Die Professorin Maike Luhmann, die an der Ruhr-Universität Bochum tätig ist, hat das Gefühl der Einsamkeit näher untersucht.

Es klingt wie aus einem utopischen Roman: In Großbritannien gibt es künftig ein Ministerium für Einsamkeit. Ist Einsamkeit denn wirklich so ein großes Problem?

Prof. Dr. Maike Luhmann: Einsamkeit kommt häufiger vor, als es den meisten bewusst ist. Wir schätzen, dass derzeit je nach Alter jeder Zehnte oder sogar jeder Fünfte betroffen ist – und wahrscheinlich fast einmal im Laufe seines Lebens.

Was ist der Unterschied zwischen Einsamkeit und Alleinsein?

Luhmann: Es ist wichtig, zwischen "sich einsam fühlen" und "alleine sein" zu unterscheiden. Das verwechseln viele und denken: "Eigentlich ist es doch ganz gut, wenn man auch mal ein bisschen für sich sein kann" – was auch stimmt.

Einsamkeit, wie wir sie verstehen, hat mit einem solchen Alleinsein nichts zu tun. Wir definieren sie als ein negatives Gefühl, eines, das der Mensch nicht freiwillig wählt. Alleinsein kann dagegen auch freiwillig sein.

Fast jeder von uns fühlt sich irgendwann im Leben einmal einsam. Ab wann wird Einsamkeit zum Problem?

Luhmann: Das ist nicht ganz einfach zu beantworten. Da ist der Leidensdruck sicher sehr unterschiedlich ausgeprägt. Ich würde sagen: Wenn man aus dem Gefühl der Einsamkeit über mehrere Wochen oder Monate nicht herauskommt und ohne Erfolg versucht hat, etwas dagegen zu tun, dann ist es wirklich problematisch.

Kann Einsamkeit denn richtig krank machen?

Luhmann: Einsamkeit ist ein wesentlicher Risikofaktor für Depressionen. Auch andere psychische Erkrankungen wie zum Beispiel Angststörungen werden mit Einsamkeit in Verbindung gebracht.

Sie kann auch körperliche Folgen haben. So gibt es einen Zusammenhang zwischen Einsamkeit und Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Manche Forscher vermuten sogar, dass Einsamkeit für die Lebenserwartung genauso schädlich ist wie starkes Rauchen. Ob sich das bestätigt, werden wir abwarten müssen. Was wir aber sagen können, ist: Einsame Menschen sterben früher.

Was sind aus Ihrer Sicht die Hauptgründe für Einsamkeit?

Luhmann: Es gibt eine ganze Reihe von Risikofaktoren und die sind bei älteren und jüngeren Menschen unterschiedlich ausgeprägt.

Ein wichtiger Faktor ist Gesundheit. Wenn man aus gesundheitlichen Gründen gar nicht mehr so einfach das Haus verlassen kann oder aufgrund von Behandlungen weniger Zeit hat, nimmt man weniger am sozialen Leben teil. Und das kann zu Einsamkeit führen.

Der Risikofaktor Gesundheit betrifft natürlich vor allem Ältere – aber nicht nur. Wenn jüngere Menschen gesundheitlich so eingeschränkt sind, dass sie nicht mehr mobil sind, kann sie das genauso vereinsamen lassen wie die alten.

Und die weiteren Risikofaktoren?

Luhmann: Eine große Rolle spielt auch Armut. Wir wissen, dass Menschen, die sehr wenig Geld haben, oft ein Stück weit aus dem sozialen Leben ausgeschlossen sind. Wobei Reichtum natürlich auch keine Garantie dafür ist, nicht einsam zu sein.

Viele gesellschaftliche Situationen, in denen man auf andere Menschen treffen kann, sind in irgendeiner Weise an Geld geknüpft. Wenn Freunde sagen: "Komm doch mit zum Essen", denken sich die Betroffenen vielleicht eine Entschuldigung aus, weil sie nicht zugeben wollen, dass sie es sich nicht leisten können. Oder weil sie sich nicht ständig einladen lassen wollen.

Auch bestimmte einschneidende Lebensereignisse können zumindest kurzfristig einsam machen, denn sie führen häufig zu Veränderungen in den sozialen Beziehungen. Das kann zum Beispiel sein, wenn man umzieht, ein Kind bekommt oder in den Ruhestand eintritt. Soziale Bindungen müssen dann neu ausgerichtet beziehungsweise wieder neu geknüpft werden.

Ihre Studie aus dem Jahr 2016 hat ergeben, dass es neben älteren Menschen insbesondere Personen zwischen 30 und 34 Jahren sind, die sich einsam fühlen. Liegt das an genau solchen Lebensereignissen, von denen sie sprechen?

Luhmann: Wir konnten das in der Studie nicht direkt untersuchen, deswegen kann ich nur spekulieren. Aber: Wir vermuten, dass es genau daran liegt. Die Zeit von Anfang bis Mitte 30 ist eine Phase der Umbrüche.

Man spricht auch von der Rushhour des Lebens. Auf der einen Seite muss man sich beruflich etablieren. Das geht nur mit viel Zeiteinsatz und Engagement. Gleichzeitig soll man eine Familie gründen und Kinder erziehen. Da kommt einfach sehr viel zusammen. In dieser Phase ist es schwierig, seine sozialen Beziehungen aufrechtzuerhalten.

Spielt die Anzahl der sozialen Kontakte bei dem Gefühl der Einsamkeit eine direkte Rolle?

Luhmann: Es ist schon so, dass eine große Zahl an sozialen Kontakten ein Stück weit vor Einsamkeit schützt. Jemand, der wenige Kontakte hat, läuft eher Gefahr, zu vereinsamen. Vor allem dann, wenn vielleicht einer von den wenigen Kontakten wegfällt.

Ein typisches Beispiel sind ältere Eheleute, die sehr aufeinander fokussiert sind. Wenn einer stirbt, hat der andere niemanden mehr.

Ist Einsamkeit eigentlich ein Problem der modernen Zeit? Oder waren die Menschen früher genauso einsam wie heute?

Luhmann: Einsamkeit ist definitiv etwas, was die Menschen schon immer erlebt haben. Wir vermuten sogar, dass es uns Menschen geholfen hat, in unserer evolutionären Entwicklung zu überleben, weil wir in der Lage waren, das negative Gefühl der Einsamkeit zu spüren und durch Zusammenhalt versucht haben, ihm entgegenzuwirken.

Aber ob Einsamkeit heute häufiger ist als vor 100 oder nur vor 20 Jahren, dazu können wir nichts sagen, weil es von damals keine Zahlen gibt.

Inwieweit kann man das Problem mit einer staatlichen Regelung wie einem "Einsamkeitsministerium" überhaupt in den Griff bekommen?

Luhmann: Einsamkeit hat ja mit sozialen Beziehungen zu tun. Ich glaube, der Einfluss des Staates ist begrenzt – aber gewisse Impulse kann er trotzdem geben.

Der Staat kann zum Beispiel helfen, Einsamkeit vorzubeugen. Im Hinblick darauf, dass arme und kranke Menschen besonders betroffen sind, kann man sich etwa überlegen, wie diesen Menschen der Zugang zum sozialen Leben erleichtert werden kann. Eine Möglichkeit wäre, die Infrastruktur auszubauen – und bewusst Initiativen zu fördern, die sich mit einsamen Menschen auseinandersetzen. Die meisten dieser Initiativen arbeiten ehrenamtlich und würden durch staatliche Unterstützung natürlich wesentlich wachsen können. Ob das effektiv ist, käme auf einen Versuch an.

Das ist die präventive Seite. Was könnte der Staat gegen die Folgen der Einsamkeit tun?

Luhmann: Wenn man sich anschaut, dass Einsamkeit häufig zu Depressionen und anderen psychischen Problemen führt, dann muss man feststellen, dass wir in Deutschland eine massive Unterversorgung in der Psychotherapie haben. Wenn Sie vom Hausarzt eine Überweisung zum Psychotherapeuten bekommen, dann warten Sie teilweise bis zu ein Jahr auf einen Therapieplatz. Und das selbst mit einer starken Depression, vielleicht sogar mit Suizidabsichten. Dass dies ein unmöglicher Zustand ist, ist völlig klar. Das ist natürlich ein Punkt, der unmittelbar mit der Gesundheitspolitik zu tun hat.

Sind Facebook, WhatsApp & Co. ein Mittel gegen Einsamkeit? Oder verstärken soziale Medien die Einsamkeit sogar?

Luhmann: Beides ist möglich. Soziale Medien sind eine wunderbare Möglichkeit, um Kontakte aufrechtzuerhalten. Problematisch wird es dann, wenn die Kontakte außerhalb der sozialen Medien gar nicht mehr stattfinden. Letzten Endes braucht der Mensch das, was wir Face-to-Face-Kontakt nennen, also Kontakt von Angesicht zu Angesicht, jemanden, der einen auch mal berührt. Das können Computer niemals ersetzen.

Aber ich würde soziale Medien keinesfalls verteufeln, denn sie öffnen gerade für Menschen, die weniger mobil sind, ein Fenster. Hinzu kommt, dass viele Familien geographisch zerrissen sind: Gerade jüngere Menschen wohnen häufig nicht mehr da, wo sie aufgewachsen sind. Soziale Medien ermöglichen ihnen, weiterhin enge Beziehungen zu pflegen.

Was kann ich selbst tun, um mich weniger einsam zu fühlen?

Luhmann: Man muss Geduld haben. Gegen Einsamkeit helfen richtig gute, tiefe Bindungen. Und die lassen sich nicht von heute auf morgen herzaubern. Aber man kann die Wahrscheinlichkeit erhöhen, Menschen zu treffen, mit denen man solche Bindungen aufbauen kann.

Der erste Schritt ist: Rausgehen, sich unter Menschen begeben. Aber nicht einfach irgendwie durch die Stadt laufen. Suchen Sie die Gesellschaft von Menschen mit gleichen Interessen. Über diese kann man wesentlich schneller Freundschaften schließen, als wenn man sich in einem Café zufällig über den Weg läuft. Das heißt zum Beispiel: Wenn man ein Hobby hat, kann man versuchen, darüber Kontakte zu knüpfen.

Was man sich außerdem bewusst machen sollte: Wer einsam ist, neigt dazu, andere etwas negativer wahrzunehmen. Er projiziert negativere Absichten in andere hinein, als sie eigentlich haben. Es ist nicht leicht, aus diesen Gedankenmustern herauszukommen. Ein erster Schritt ist, sich über diese Muster klar zu werden und sich vielleicht in so einer Situation bewusst zu sagen: Vielleicht meint die Person es auch nett.

Wenn das nicht funktioniert, kann es sein, dass man nur mit psychotherapeutischer Unterstützung aus der Einsamkeit herauskommt.

Frau Prof. Luhmann, vielen Dank für das Gespräch!

Quelle(n):
Interview mit Prof. Dr. Maike Luhmann, Ruhr-Universität Bochum
Luhmann, M., Hawkley, L. C. (2016). Age differences in loneliness from late adolescence to oldest old age. Developmental Psychology, Vol. 50, Iss. 6, pp. 943-959 (2016)


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