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7. Symposium der SDK-Stiftung: Gesundheitssystem stößt an Grenzen

7. Symposium der SDK-Stiftung: Gesundheitssystem stößt an Grenzen

Bernd Brüggenjürgen Leiter des SDK-Lehrstuhls für Gesundheitsökonomie an der Steinbeis-Hochschule in Berlin, betonte, dass Angebot, Nachfrage und Inanspruchnahme des Gesundheitswesens nicht allein den Kräften des Marktes überlassen bleiben dürfte. „Das ist nun mal Grundkonsens. Allerdings können Effizienz und Kostenkontrolle als langfristige Ziele aus ökonomischen Gründen nicht außen vor bleiben“. Regulierende Maßnahmen seien daher an der Tagesordnung. Der Patient erwarte im Gegensatz dazu die bestmögliche Versorgung. Nachteilig sei, dass durch die Inanspruchnahme kostenfreier Leistungen die Risikobereitschaft    bei den Bürgern steige. Als Megatrend kennzeichnete Brüggenjürgen Entwicklungen, die den Kassenarzt zum Dienstleister werden lassen, den Patienten zum Kunden und die Patientenakte zum „Cloud“. Auch der wirtschaftliche Druck auf die Krankenhäuser nehme immer stärker zu. „Allerdings“, so Brüggenjürgen, “die alternde Gesellschaft ist nicht der Hauptkostentreiber, sondern aus meiner Sicht eher die ständig fortschreitende technische Entwicklung“. Maßstab müsste nach wie vor bei der Behandlung das Wohl des Patienten sein. Die größte Herausforderung bestehe in einem modernen Gesundheitssystem darin, die Leistungserbringer für die Patienten mit der geringstmöglichen Regulierung aus Systemsicht zu versöhnen.

Stefan Bielack, Ärztlicher Direktor des Olgahospitals, traf eine überraschend erfreuliche Aussage. Als Leiter des kinderonkologischen Zentrums der Region Stuttgart stellte er fest, dass drei Viertel aller krebserkrankten Kinder wieder gesund werden, weil es nur wenige Versorgungsbrüche gebe. Er gab aber auch zu:  „Wir stoßen schon an kommerzielle, medizinische und organisatorische Grenzen. „ In der Onkologie sorgen wir dafür, dass Jugendliche, die erwachsen werden, in der gesundheitlichen Versorgung und dem Übergang von stationär zu häuslich keinen Bruch erfahren. „ Wir bieten gute Möglichkeiten der Nachsorge und der palliativen Betreuung“.

Claudia Blattmann, Oberärztin am Olga-Hospital, engagiert sich besonders in der Kinder-und Jugendmedizin. „15 Prozent aller Kinder in Deutschland sind mit den verschiedensten Krankheiten chronisch krank“, war ihre erschreckende Feststellung. Die Krankheitsbilder erforderten ein enormes Diagnostikspektrum und immer mehr Fachpersonal. Die Expertin, u.a. für Palliativmedizin, beklagte  die immer mehr ausufernde Bürokratie. Sie wolle aber als Ärztin helfen und sei keine Verwaltungsangestellte. „Das ärztliche Ziel ist erhalten, fördern und verbessern der Lebensqualität“. Als besonders wichtig bewertete es Blattmann, keine Brüche beim Übergang von der stationären zur häuslichen und ambulanten Behandlung entstehen zu lassen. Mit Hilfe von Modellprojekten habe man im Stuttgarter Raum gute Erfahrungen sammeln können. Dadurch konnten in 2015 mehr als 100 Patienten und ihre Familien in der Nachsorge umfassend betreut werden. „Das reicht aber bei weitem nicht aus“. Die Fachmedizinerin beklagte, dass die finanziellen Ressourcen sehr begrenzt seien und zurzeit nur durch Spenden ausreichend ausgeglichen werden könnten. Außerdem mangele es für die Nachsorge an Ärzten und Pflegekräften.

„Als ein großes Problem für die Krankenkassen“, stellte Oliver Gapp, Bereichsleiter Versorgung und Gesundheitsökonomie der mhplus-Krankenkasse, die Mehrfachverschreibung von Arzneimitteln dar. Patienten würden sich aufgrund der freien Arztwahl immer öfters von mehreren Medizinern vor allem Schmerzmittel und Wachstumspräparate verschreiben lassen. Dadurch entstehe den Kassen jährlich ein hoher finanzieller Schaden. Grund für diese Misere sei, dass die Mediziner in aller Regel nichts voneinander wüssten, da es keinen Datenaustausch gebe. Die Gesundheitskarte lasse noch immer auf sich warten. Als Kostentreiber im Gesundheitswesen machte Gapp viele überflüssige Operationen aus. So seien rund 80 Prozent der Rücken-Operationen überflüssig. Konventionelle Methoden würden ebenso effektiv sein.

Thomas Szucs leitet den Arbeitsbereich Medizinische Ökonomie der Universität Zürich und ist außerdem Verwaltungsratspräsident der Schweizer Helsana-Gruppe. Die Krankenversicherungen in der Alpenrepublik sind privatwirtschaftliche Unternehmen, es gibt keine staatliche Krankenkasse. Er berichtete, dass die Bevölkerung der Schweiz davon überzeugt sei, dass eine Einheitskasse die Kostensituation im Gesundheitswesen keineswegs positiv beeinflussen könnte. Szucs schilderte den Stand der Automatisierung im Gesundheitswesen am Beispiel der Helsana. Stündlich würden 8000 Rechnungen verarbeitet, das geschehe zu rund 75 Prozent elektronisch. Allerdings müssten dabei 100 Datensysteme mit 130.000 individuellen Tarifpositionen Berücksichtigung finden. Szucs verglich Reformen im Gesundheitswesen mit einer Hydra. Wenn der eine Arm abgeschlagen werde, wachse an einer anderen Stelle einer nach. Er plädierte dafür, auch in der Schweiz endlich alte Zöpfe, wie unterschiedliche Empfehlungen von mehreren Expertenkommissionen für die Wirksamkeit von Impfstoffen, abzuschaffen.

Es sei ethisch geboten, Grenzen zu setzen bei Kostensteigerungen auf der einen Seite sowie Über- und Fehlversorgung auf der anderen Seite, ist die Überzeugung von Georg Markmann,  Vorstand des Instituts für Ethik, Geschichte und Theorie der Medizin an der Ludwig-Maximilians-Universität in München. Begrenzte Ressourcen im Gesundheitssystem müssten gerecht verteilt werden. Es dürfe nur das getan werden, was medizinisch nachgewiesen sei. Als Beispiel führte er die Palliativmedizin an, die zu einer besseren Lebensqualität beitrage und ein längeres Überleben durch weniger aggressive Therapien ermögliche. Das sollte zum Regelfall werden. „Wir müssen auch aus ethischen Gründen der Maximaltherapie Grenzen setzen, weniger ist manchmal mehr“, appellierte er an alle im Gesundheitswesen Verantwortlichen und kam zum Ergebnis: „Mehr Ethik spart Geld“.

 

Referenten des 7. SDK-Symposiums:

Prof. Dr. Stefan Bielack

Ärztlicher Direktor, Olgahospital Stuttgart

Dr. Claudia Blattmann

Oberärztin Olgahospital Stuttgart

Dr. Oliver Gapp

Unternehmensbereichsleiter Versorgung und Gesundheitsökonomie, mhplus Krankenkasse

Prof. Dr. med. Thomas Szucs

Leiter Arbeitsbereich Medizinische Ökonomie Universität Zürich, Präsident des Verwaltungsrats Helsana Gruppe

Prof. Dr. Georg Markmann

Vorstand des Instituts für Ethik und Theorie der Medizin, Ludwig-Maximilians-Universität, München

Durch das Symposium führte:

Prof. Dr. Bernd Brüggenjürgen

Professor und Lehrstuhlinhaber SDK-Institut für Gesundheitsökonomie

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