Verschluckter Fremdkörper bei Kindern

05.02.2017 | Gesundheitsinfos

Susanne Meinrenken. Dr. med., Medizinjournalistin, Bremen

Besonders Kleinkinder im Alter von sechs Monaten bis drei Jahren stecken viel in den Mund. Wird dabei ein Fremdkörper verschluckt, kann dies zu ernsten Problemen führen.

Im Normalfall gelangt ein verschluckter Fremdkörper durch die Speiseröhre in den Verdauungstrakt und wird problemlos wieder ausgeschieden. Mitunter kann es aber passieren, dass ein Fremdkörper in der Speiseröhre stecken bleibt. In seltenen Fällen können auch weiter unten im Magen-Darm-Trakt Probleme auftreten. Laut amerikanischen Forschungsergebnissen kommt es bei weniger als einem Prozent der Kleinkinder, die einen Fremdkörper verschluckt haben, zu schwerwiegenden Komplikationen. Schätzungen zufolge bleiben etwa 40 % der Vorfälle, in denen Fremdkörper verschluckt werden, unentdeckt. In vielen Fällen zeigen die betroffenen Kleinkinder keinerlei Symptome. Dies ist etwa bei der Hälfte der Kinder der Fall, die nachweislich einen Fremdkörper verschluckt haben.

Auch wenn das Risiko für Komplikationen bei scharfkantigen Objekten erhöht ist, durchwandern selbst diese den Verdauungstrakt oftmals ohne Probleme. Vor Einführung der Endoskopie (Untersuchungsmethode, bei der ein dünnes, biegsames Rohr über die Speiseröhre eingeführt wird, das mit einer Lichtquelle und einer Kamera versehen ist) gelangten 93–99 % der stumpfen Objekte völlig unproblematisch durch den Magen-Darm-Trakt, ein chirurgischer Eingriff war nur in etwa 1 % der Fälle erforderlich. Heutzutage wird in 10–20 % der Fälle eine Endoskopie durchgeführt und der verschluckte Fremdkörper im Zweifelsfall entfernt.

Ein Fremdkörper, der den Magen-Darm-Trakt durchläuft, gelangt der Reihe nach durch folgende Organe: Schlund, Speiseröhre, Magen, Zwölffingerdarm, Dünndarm, Dickdarm und Enddarm.

Symptome

Fremdkörper, die die Speiseröhre problemlos durchwandert haben, rufen normalerweise keine Symptome hervor. Bleibt ein verschlucktes Objekt in der Speiseröhre stecken, kann dies ebenfalls ohne Beschwerden einhergehen oder aber zu Symptomen wie Erbrechen, Atembeschwerden mit pfeifenden Atemgeräuschen oder genereller Reizbarkeit und Verhaltensauffälligkeiten führen.

Hat das Kind Atemprobleme, hustet oder kann nicht mehr sprechen, so ist der Gegenstand wahrscheinlich in die Luftröhre gelangt. Hier besteht Lebensgefahr.

Diagnostik

Viele Arten von Fremdkörpern sind auf einem Röntgenbild nicht zu erkennen, weil sie durch die Röntgenstrahlen nicht abgebildet werden. Fremdkörper aus Holz, Kunststoff und Glas sowie Fischgräten und kleine Knochensplitter sind auf den Röntgenbildern z. B. oft nicht erkennbar oder in Essensresten „versteckt".

Eine Röntgenuntersuchung bei den Untersuchungsmaßnahmen sollte bei Fremdkörpern durchgeführt werden, die zu Problemen führen können. Magnete und Batterien beispielsweise sind nämlich im Röntgenbild erkennbar. Bei Verdacht auf einen verschluckten Fremdkörper und Beschwerden der Patientin/des Patienten werden daher in der Regel Röntgenbilder vom Hals-, Brust- und oberen Bauchbereich erstellt werden. Allerdings ist v. a. bei Kindern die Strahlenbelastung durch das Röntgen zu bedenken; daher wird die Ärztin/der Arzt das Risiko dieser Untersuchung gegen den erwarteten Nutzen sorgfältig abwägen.

Die Spiegelung (Endoskopie) von Rachen, Speiseröhre und Magen dient zum einen dazu, den Fremdkörper noch genauer zu lokalisieren, zum anderen lassen sich viele Fremdkörper während dieser Untersuchung bereits entfernen. Daher kommt dieses Verfahren bei Kindern mit verschlucktem Fremdkörper häufig zum Einsatz, vor allem, wenn Knopfbatterien in der Speiseröhre festsitzen oder bei Kindern unter 5 Jahren im Magen liegen.

Auch mithilfe der Computertomografie (CT) können verschluckte Objekte bei Erwachsenen nachgewiesen werden.

Behandlung

Hat Ihr Kind etwas verschluckt, sollten Sie in jedem Fall einen Arzt zu Rate ziehen. Die folgenden Angaben sind ungefähre Empfehlungen; der behandelnde Arzt wird im Einzelfall mit Ihnen das Vorgehen besprechen. Hat das Kind deutliche Beschwerden wie starke Schmerzen, heftiges andauerndes Würgen oder Ähnliches, so ist sofort eine Therapie erforderlich.

Fremdkörper, die in der Speiseröhre festsitzen

Bei Verdacht auf einen in der Speiseröhre festsitzenden Fremdkörper wird im Falle eines unauffälligen Röntgenbefunds eine Endoskopie durchgeführt, sofern diese Untersuchungsmethode zugänglich ist. Andernfalls wird der Arzt gemeinsam mit einem Magen-Darm-Spezialisten (Facharzt für Gastroenterologie) evtl. die Möglichkeit eines Röntgenbildes mit Kontrastmittel erwägen.

Hat ein Kind ein scharfkantiges, nicht röntgendichtes Objekt (z. B. eine Fischgräte) verschluckt, wird der Arzt zuerst den Schlund mithilfe eines sogenannten Laryngoskops untersuchen. Ist der Befund trotz anhaltender Beschwerden unauffällig, wird anschließend eine Endoskopie der Speiseröhre und des Magens durchgeführt. Kleine Knopfzellbatterien (z. B. von einem Taschenrechner) und scharfkantige Objekte müssen so schnell wie möglich aus der Speiseröhre entfernt werden. Die meisten anderen Fremdkörper können entweder entfernt oder weiter nach unten in den Magen hineingeschoben werden.

Bei stumpfen Objekten in der Speiseröhre kann meist über einen Zeitraum von 24 Stunden abgewartet werden, ehe eingegriffen werden muss. Gelangt der Gegenstand nicht von allein in den Magen, sollte er endoskopisch entfernt oder weiter nach unten in den Magen hineingeschoben werden. Nach einem Zeitraum von 24 Stunden sollte ein weiterhin in der Speiseröhre festsitzender Fremdkörper stets mittels Endoskopie entfernt werden. Befindet sich ein Objekt länger als zwei Wochen in der Speiseröhre, besteht das Risiko ernster Komplikationen wie Schleimhautschädigungen oder Verletzungen der umliegenden Organe. Münzen zählen zu den Objekten, die am häufigsten von Kleinkindern verschluckt werden. Die Behandlungsmethode der Wahl ist in diesem Fall die Endoskopie.

Fremdkörper, die unterhalb der Speiseröhre festsitzen

Auch wenn sehr viele Fremdkörper, die die Speiseröhre passiert haben, ungehindert durch den Magen-Darm-Trakt gelangen und ausgeschieden werden, empfehlen Experten, zumindest scharfkantige Objekte möglichst endoskopisch zu entfernen, ehe sie den Zwölffingerdarm passiert haben. Andere Fremdkörper werden häufig regelmäßig mittels Röntgenkontrolle beobachtet. Bewegt sich der fragliche Fremdkörper nicht innerhalb von wenigen Tagen, sollte eine chirurgische Entfernung in Erwägung gezogen werden, falls dies per Endoskopie nicht (mehr) möglich ist. Wie lange abgewartet werden kann, ist jedoch abhängig von den Beschwerden und dem verschluckten Gegenstand ganz unterschiedlich.

Bei größeren Objekten, die den Zwölffingerdarm noch nicht passiert haben, empfehlen Ärzte je nach Größe des Gegenstands und Alter des Kindes eine endoskopische oder auch chirurgische Entfernung.

Auch bei Magneten, die sich endoskopisch nicht entfernen ließen, ist Vorsicht geboten. Einzelne Magnete können in der Regel belassen werden, bis sie von selbst ausgeschieden wurden. Sind jedoch mehrere Magnete im Magen verblieben, sind eine regelmäßig Kontrolle in der Klinik oder auch eine chirurgische Entfernung angezeigt.

Verschluckte Knopfzellbatterien, die schon in den Magen gelangt sind, sollten bei einer Größe von > 2 cm bei Kindern unter 5 Jahren möglichst rasch entfernt werden. Bei älteren Kindern kann man 24–48 Stunden abwarten; erst wenn die Batterie dann immer noch im Magen liegt, sollte sie entfernt werden.

Mögliche Komplikationen

In der Regel kommt es nur selten zu Komplikationen. In einigen wenigen Fällen kann es allerdings passieren, dass ein verschluckter Fremdkörper die Wand der Speiseröhre durchstößt (perforiert) oder verätzt. Es handelt sich um einen lebensbedrohlichen Zustand. Im Magen-Darm-Trakt kann es ebenso zu Perforationen oder Verätzungen kommen. Typische Symptome sind Fieber, Bauchschmerzen und Tastempfindlichkeit. Ein Fremdkörper, der über längere Zeit in der Speiseröhre festsitzt, kann beim Kind bleibende Schäden in der Speiseröhre nach sich ziehen.

Mehrere Magnete können durch ihre magnetische Anziehung zu schweren Schäden der Wände des Verdauungstrakts führen. Liegen zwei Batterien nahe beieinander, kann Strom fließen und das Gewebe verletzen. Zudem können aus Batterien auch Lauge oder andere gefährliche Substanzen austreten.

Nachkontrolle

Häufig wird der verschluckte Fremdkörper trotz gründlicher Stuhlkontrolle durch die Eltern nicht gefunden, sondern unbemerkt ausgeschieden. Aus dem Grund wird mitunter eine Röntgenaufnahme durchgeführt, wenn ein Gegenstand länger als 1 Woche nach dem Verschlucken noch nicht ausgeschieden wurde. Bei Kindern, die keine Symptome aufweisen und ein relativ ungefährliches Objekt verschluckt haben, ist dies in der Regel nicht erforderlich.

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