Aktuelle News
News vom 03.11.2017
Erste Hilfe bei psychischen Problemen: Was können Laien tun?

Ob für den Führerschein oder als betrieblicher Ersthelfer – viele von uns haben schon mal an einem Erste-Hilfe-Kurs teilgenommen, um in körperlichen Notfällen helfen zu können. Aber haben Sie sich jemals damit beschäftigt, wie Sie Erste Hilfe bei psychischen Problemen leisten könnten?

Laien darin zu schulen, wie sie psychische Notfallhilfe leisten könnten, steht hierzulande nicht auf der Tagesordnung. Dabei wäre es sinnvoll, wenn möglichst viele Mitglieder einer Gemeinschaft wüssten, was in psychischen Krisen als Erstes zu tun ist. Denn so würde Menschen in solchen Situationen oft deutlich schneller geholfen.

Zumal viele Betroffene lange zögern, bevor sie sich jemandem anvertrauen – wenn sie es überhaupt aus eigenem Antrieb tun. Diese Erfahrung hat auch Dr. Bernhard Riecke gemacht, er ist Facharzt für Psychiatrie, Psychotherapie und Neurologie.

Laut Dr. Riecke haben beispielsweise depressive Männer, bei denen die Erkrankung zum ersten Mal auftritt, meistens eine hohe Hemmschwelle, professionelle Hilfe anzunehmen. "Das hat gesellschaftspolitische Gründe, da auch in unserer angeblich so aufgeklärten Zeit psychische Erkrankungen als Schwäche, Versagen und so weiter angesehen werden", so Dr. Riecke.

Besonders aber bei einer beginnenden schizophrenen Psychose, wo jedes Krankheitsgefühl fehle, seien es oft die Angehörigen, die den Betroffenen zu einer Behandlung brächten, erklärt Dr. Riecke weiter. Er bringt es auf die Kurzformel: "Ein Schizophrener kommt nicht, er wird gebracht."

Darum hält Dr. Riecke nahestehende Menschen – Angehörige, Freunde, nette Kollegen – oder andere Bezugspersonen besonders in psychischen Krisensituationen für unverzichtbar. Entsprechend wichtig findet er es, die Allgemeinheit über psychische Erkrankungen aufzuklären und besser zu informieren.

"Info-Kurse wären schon ein Anfang", meint Dr. Riecke. Geschulte und zur Empathie fähige Helfer seien beispielsweise in Betrieben wünschenswert: Sie könnten Mitarbeitern mit psychischen Krisen, Selbstmordgedanken oder Panikattacken sofort Beistand leisten.

Genau dieses Ziel verfolgt das Projekt Mental Health First Aid, das in Australien gestartet und mittlerweile in vielen weiteren Ländern eingeführt wurde. Zu dem Zweck bietet es entsprechende Schulungsprogramme für Jedermann.

Was ist Mental Health First Aid?

Mental Health First Aid ist ein Schulungsprogramm, das der Öffentlichkeit vermitteln möchte, wie man jemandem helfen kann, der

  • eine psychische Störung entwickelt,
  • eine Verschlimmerung einer bestehenden psychischen Störung durchmacht oder
  • eine psychische Krise durchlebt.

In den Schulungen lernen Laien, wie sie – ähnlich wie bei der klassischen Ersten Hilfe – Menschen mit psychischen Problemen anfängliche Unterstützung bieten können, bevor diese professionelle Hilfe erhalten oder bis die psychische Krise überwunden ist.

Die Entwickler des Projekts meinen, dass es an jedem Arbeitsplatz mindestens ebenso viele psychische wie klassische Ersthelfer geben sollte.

Inzwischen liegen schon einige Studien vor, die den Nutzen des Projekts belegen: Danach können die Schulungen das Verständnis für psychische Probleme in der Öffentlichkeit erhöhen und so die Unterstützung (und auch das Befinden) der Betroffenen verbessern

.

In Deutschland gibt es solche Schulungen leider noch nicht. Wer wissen möchte, was zu tun ist, wenn ein Familienangehöriger oder Freund in eine psychische Krise gerät, dem kann folgende Anleitung zur Ersten Hilfe bei psychischen Problemen helfen.

1. Wie kann ich erkennen, ob jemand psychische Probleme hat?

  • Informieren Sie sich über psychische Störungen und deren Anzeichen.
  • Denken Sie aber daran, dass wir alle unterschiedlich sind – nicht jeder, der psychische Probleme hat, zeigt auch die typischen Symptome.
  • Wenn sich Stimmung, Verhalten, Tatkraft, Gewohnheiten oder Persönlichkeit eines Menschen verändern, könnten psychische Probleme dahinterstecken.
  • Ignorieren Sie solche Signale nicht.

2. Wie spreche ich die betroffene Person am besten auf das Thema an?

  • Schaffen Sie Gelegenheiten zum Gespräch. Wählen Sie hierfür einen geeigneten Zeitpunkt, an dem Sie beide nüchtern und in ruhiger Gemütsverfassung sind, sowie einen Ort, an dem Sie sich beide wohl fühlen und ungestört sind.
  • Wenn sich die betroffene Person bei diesen Gelegenheiten nicht von sich aus öffnet, sollten Sie das Thema offen und ehrlich selbst ansprechen.
  • Lassen Sie die betroffene Person wissen, dass Sie sich Sorgen um sie machen und ihr gerne helfen möchten.
  • Verwenden Sie Ich-Botschaften wie "Ich mache mir Sorgen, weil …" oder "Mir ist aufgefallen, dass …" anstelle von Du-Aussagen.
  • Respektieren Sie, wie die Person ihre Symptome selber erklärt.
  • Wenn die Person sich nicht wohl dabei fühlt, das Gespräch mit Ihnen zu führen, ermutigen Sie sie, mit jemand anderem über ihr Befinden zu reden.

3. Wie sieht eine gute Unterstützung aus?

  • Behandeln Sie die betroffene Person mit Respekt.
  • Machern Sie ihr keine Vorwürfe wegen ihrer Probleme.
  • Zeigen Sie Verständnis und bieten Sie seelischen Beistand an.
  • Ermutigen Sie die Person, mit Ihnen zu reden.
  • Seien Sie ein guter Zuhörer.
  • Vermitteln Sie Hoffnung auf Besserung.
  • Wenn die Person Informationen zu psychischen Problemen oder Hilfsangeboten wünscht, stellen Sie sicher, dass die Informationsquellen, die Sie nennen, korrekt und der Situation angemessen sind.

4. Welche Dinge sollte ich unbedingt vermeiden?

  • Übertreiben Sie es nicht: Seien Sie zum Beispiel nicht überfürsorglich.
  • Seien Sie auch nicht feindselig oder sarkastisch.
  • Nörgeln Sie nicht an der betroffenen Person herum.
  • Vermeiden Sie einen herablassenden Tonfall.
  • Klopfen Sie keine Sprüche wie "Reiß dich zusammen" oder "Kopf hoch".
  • Verharmlosen Sie die Situation der betroffenen Person niemals, indem Sie sie zum Beispiel dazu auffordern, doch mal zu lächeln oder die Kurve zu kriegen.
  • Vermeiden Sie es, die Gefühle der Person zu schmälern oder abzutun mit Aussagen wie "So schlimm klingt das für mich gar nicht".
  • Versuchen Sie nicht, die Person zu heilen oder sich Lösungen für ihre Probleme einfallen zu lassen.

5. Wie kann ich die betroffene Person dazu ermutigen, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen?

  • Fragen Sie die betroffene Person, ob sie Hilfe benötigt, um mit ihrer Situation oder ihren Gefühlen fertig zu werden.
  • Machen Sie sich am besten vor dem Gespräch mit örtlichen und Online-Hilfsangeboten vertraut.
  • Wenn die Person das Gefühl hat, Hilfe zu brauchen, besprechen Sie mit ihr die verschiedenen Hilfsangebote und ermutigen Sie sie, diese Angebote zu nutzen.
  • Ein guter Anfang wäre es, die Person dazu zu bringen, zum Hausarzt zu gehen.

6. Was tun, wenn die betroffene Person Hilfe ablehnt?

  • Versuchen Sie herauszufinden, ob es bestimmte Gründe dafür gibt, dass die betroffene Person Hilfe ablehnt. Ihre Ablehnung könnte auf falschen Vorstellungen beruhen. Eventuell können Sie der Person helfen, ihre Scheu vor Hilfsangeboten zu überwinden.
  • Wenn die betroffene Person bei ihrer Ablehnung von Hilfsangeboten bleibt, lassen Sie sie wissen, dass sie sich jederzeit an Sie wenden kann, wenn sie ihre Meinung ändert.
  • Respektieren Sie das Recht der Person, Hilfe abzulehnen – außer Sie glauben, von ihr ginge eine Gefährdung für sich oder andere aus.

7. Was tun, wenn die betroffene Person selbstmordgefährdet ist?

  • Selbstmord lässt sich verhindern. Die meisten selbstmordgefährdeten Menschen möchten nicht sterben. Sie haben nur einfach das Gefühl, nicht mehr so weiterleben zu können.
  • Es ist wichtig, Selbstmordgedanken und suizidales Verhalten ernst zu nehmen.
  • Selbstmordgedanken und Gefühle offen anzusprechen kann Leben retten.

Die drei wichtigsten Schritte, um einem selbstmordgefährdeten Menschen zu helfen, sind:

  1. Wenn Sie vermuten, dass jemand Selbstmordgedanken hat, sprechen Sie denjenigen direkt darauf an.
  2. Wenn der Betroffene Ihren Verdacht bestätigt, bleiben Sie bei ihr – lassen Sie ihn auf keinen Fall allein.
  3. Stellen Sie Verbindung zu jemandem her, der professionelle Hilfe leisten kann. Kostenlose und anonyme Soforthilfe bekommen Sie zum Beispiel rund um die Uhr bei der Telefonseelsorge Deutschland unter der Rufnummer 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222. Auch die kommunalen Sozialpsychiatrischen Dienste, die Teil des öffentlichen Gesundheitsdienstes sind, bieten kostenlose Hilfe und Beratung.

Selbstmordgedanken? Hilfe in ausweglosen Situationen

Erscheint Ihnen Ihre Situation ausweglos? Wissen Sie nicht mehr weiter und kreisen Ihre Gedanken darum, sich das Leben zu nehmen? Versuchen Sie, mit jemandem darüber zu sprechen. Das kann ein Ihnen nahestehender Mensch sein – oder eine professionelle Anlaufstelle, zum Beispiel:

in Deutschland der Sozialpsychiatrische Dienst in Ihrer Stadt bzw. Region oder die Telefonseelsorge
Tel.: 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222
Internet: www.telefonseelsorge.de

in Österreich die Telefonseelsorge
Tel.: 142
Internet: www.telefonseelsorge.at

in der Schweiz der Schweizer Verband Dargebotene Hand
Tel.: 143
Internet: www.143.ch

Quelle(n):
Gespräch mit Dr. Bernhard Riecke. Er ist Facharzt für Psychiatrie, Psychotherapie und Neurologie und setzt sich seit Jahrzehnten dafür ein, adäquate Versorgungsstrukturen für psychisch kranke Menschen zu schaffen – wie bei körperlichen Problemen selbstverständlich.
How to Help a Friend, Family Member or Co-worker with a Mental Illness or Crisis. Online-Informationen der Mental Health First Aid Australia: mhfa.com.au (Abrufdatum: 27.10.2017)
Morrissey, H., et al.: Do Mental Health First Aid™ courses enhance knowledge? The Journal of Mental Health Training, Education and Practice, Vol. 12, Iss. 2, pp.69-76 (2017)
Mental Health First Aid is an effective public health intervention for improving knowledge, attitudes, and behaviour: a meta-analysis. International Review of Psychiatry, Vol. 26, Iss. 4, pp. 467-75 (Online-Publikation: 19.8.2014)


Weitere News: 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10
Meldung 1 - 10 von 99 Meldungen insgesamt
Paracetamol in der Schwangerschaft19.01.2018
Gesundheitsrisiko Tampon: Toxisches Schocksyndrom16.01.2018
Neu für Männer ab 65: Die Aneurysma-Früherkennung12.01.2018
Gesund und lecker essen am Arbeitsplatz09.01.2018
Vitamin D und Calcium zur Osteoporose-Prophylaxe sinnlos?05.01.2018
Selten sinnvoll: Wasserfilter für den Hausgebrauch02.01.2018
Gute Vorsätze: "Jeder Mensch kann sich ändern"29.12.2017
Rund um die Krankmeldung: Diese Fakten sollten Sie kennen22.12.2017
Unten ohne – Flanking im Winter19.12.2017
Leben mit Luftnot: COPD erkennen und behandeln15.12.2017