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News vom 17.11.2017
Ab wann ist der Blutdruck zu hoch? US-Leitlinie senkt die Grenzwerte

Bluthochdruck ist eine Volkskrankheit und Hauptrisikofaktor für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. In den USA wurden die Grenzwerte für Bluthochdruck gesenkt – auf Werte, die nun jeden zweiten Amerikaner zum Bluthochdruck-Patienten machen. Sollen die neuen Werte auch in Deutschland übernommen werden?

Bislang galten in den USA die gleichen Grenzwerte für Bluthochdruck wie in Deutschland: Ab Werten von 140 zu 90 mmHg war der Blutdruck zu hoch. Doch in der kürzlich veröffentlichten neuen US-Leitlinie hat sich das geändert. Die neuen Grenzwerte liegen deutlich niedriger, nämlich bei 130 zu 80 mmHg. Den Autoren der Leitlinie zufolge ließe sich das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen (kardiovaskuläre Erkrankungen) wie Herzinfarkt oder Schlaganfall deutlich senken, wenn die Blutdruckwerte unterhalb dieser neuen Grenze liegen.

Die neuen Grenzwerte haben jedoch weitreichende Auswirkungen: War vorher nur etwa ein Drittel der US-Amerikaner von Bluthochdruck betroffen, ist jetzt fast jeder zweite ein Bluthochdruckpatient. Die Zahl der Betroffenen wächst damit um gut 30 Millionen an.

Allerdings betonen die Autoren der US-Leitlinie, dass nicht jeder neue Betroffene zwangsläufig Medikamente erhalten müsse. Bei der überwiegenden Mehrheit der neu hinzugekommenen Bluthochdruck-Patienten ließe sich der Blutdruck im Prinzip auch durch Änderungen des Lebensstils senken. Dennoch werden wohl etwa 4,2 Millionen US-Amerikaner durch die neuen Grenzwerte eine Behandlung mit Blutdrucksenkern benötigen.

Die neuen Grenzwerte betreffen aber auch US-Patienten, die bereits nach den alten Grenzwerten Bluthochdruck hatten. Denn um die neuen Blutdruckziele zu erreichen, muss wahrscheinlich bei vielen Betroffenen die Medikamenten-Dosis erhöht werden.

Ist die Senkung der Blutdruck-Grenzwerte sinnvoll? Hierzulande äußern sich Experten eher skeptisch, obwohl sich auch in Deutschland durch niedrigere Grenzwerte zahlreiche Herz-Kreislauf-Erkrankungen vermeiden ließen. „Ich bin gegen die starke Senkung auf 130 zu 80, weil sie mit Nebenwirkungen einhergeht, der Nutzen für Herz und Kreislauf gegenüber 140 zu 90 aber zweifelhaft ist“, sagt Prof. Michael Kochen, der ehemalige Präsident der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin, gegenüber der Süddeutschen Zeitung. „Bei einer so rasanten Verringerung des Blutdrucks ist das Risiko für Stürze erhöht, was gerade im Alter ein Problem ist.“ Er warnt davor, die Grenzwerte noch weiter zu senken: „In zehn Jahren ist womöglich 120 zu 80 das Ziel, dann sind irgendwann alle erfasst.“

Dennoch gäbe es durch niedrigere Grenzwerte auch positive Aspekte, so Prof. Bernhard Krämer, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Hochdruckliga. Denn es sei schon lange bekannt, dass das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen bereits im Bereich normaler Blutdruckwerte von 115 zu 75 mmHg ansteige. „Eine Absenkung des Blutdruckgrenzwertes auf unter 130 zu 80 mmHg würde Betroffenen und Ärzte für das bereits bei diesen Werten bestehende, mäßig erhöhte kardiovaskuläre Risiko sensibilisieren“, meint Prof. Krämer. Das könnte wiederum dazu anregen, früher auf die Notwendigkeit von Lebensstiländerungen hinzuweisen.

Allerdings gibt es laut Prof. Krämer auch Punkte, die gegen solch eine Maßnahme sprechen. Denn es „werden durch eine Absenkung der Blutdruck-Grenzwerte deutlich mehr Menschen als bisher als Patienten eingestuft.“ Außerdem sei noch offen, ob die Mehrheit der Personen mit hochnormalem Blutdruck von einer Behandlung mit Blutdrucksenkern wirklich profitiert.

Ob sich Deutschland den Grenzwerten der neuen US-Leitlinie anschließt, wird sich erst in den nächsten Monaten zeigen. Wahrscheinlich wird man den Vorgaben der US-Kollegen nicht gänzlich folgen. Auf der Basis der aktuellen Daten „empfehlen wir jedoch weiterhin einen generellen Zielwert von unter 135 zu 85 mmHg bei einer Selbstmessung“, sagt Prof. Peter Trenkwalder, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Deutschen Hochdruckliga (DHL) und Mitglied der Task Force Wissenschaftliche Stellungnahmen und Leitlinien der DHL.

Momentan erreichen laut Prof. Trenkwalder jedoch selbst diesen moderaten Zielblutdruck kaum 60 Prozent der Bluthochdruck-Patienten. „Wichtigstes Behandlungsziel für alle Ärzte muss daher sein, dass dieses Blutdruckziel erreicht wird“.

Quelle(n):
Pressemitteilung der Deutschen Hochdruckliga: Deutsche Hochdruckliga e.V. prüft die aktualisierten Zielblutdruckwerte der amerikanischen Experten (16.11.2017)
Pressemitteilung der Deutschen Hochdruckliga: Stellungnahme zu neuen Grenzwerten amerikanischer Fachgesellschaften (16.11.2017)
Grenzwert 130 zu 80: US-Leitlinie macht fast jeden zweiten Erwachsenen zum Hypertoniker. Online-Informationen des Deutschen Ärzteblatts: www.aerzteblatt.de (Stand: 15.11.2017)
Blutdruck über 130/80 ist jetzt zu hoch. Online-Informationen der Deutschen Apotheker-Zeitung: www.deutsche-apotheker-zeitung.de (Stand: 15.11.2017)
High Blood Pressure in Adults: Guideline For the Prevention, Detection, Evaluation and Management. Online-Informationen des American College of Cardiology: www.acc.org (Stand: 13.11.2017)


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